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Aus der Freude jenes Augenblickes leben, an dem Jesus mich angeblickt hat.

„Die Freude jenes Augenblicks, in dem Jesus mich angeschaut hat. Er ist es, der uns ruft!“ (Papst Franziskus, Begegnung mit den Seminaristen, Novizen und  Novizinnen, 6. Juli 2013).
Als ich 11 Jahre alt war, habe ich diese Freude erfahren. Es war 1994. Zum ersten Mal habe ich ganz allein einen Rosenkranz gebetet. Es war ganz still um mich. Da dachte ich spontan: „Wie schön muss es doch sein, eine Schwester zu sein.“ Dieser Gedanke erfüllte mich mit tiefem Frieden und mit Freude. Als Teenager versuchte ich diese Erfahrung wegzudenken, durch den Gedanken: „Ich war ja noch klein … das kann doch nicht mein voller Ernst gewesen sein.“ Ich habe mit niemandem darüber gesprochen – also konnte mich auch niemand daran erinnern. Aber ich hatte Jesus selber nicht eingerechnet.
Als Jugendliche wurde ich immer wieder ermutigt und herausgefordert, meinen Glauben und meine Freundschaft mit dem Herrn zu vertiefen. Das habe ich meinen gläubigen Eltern zu verdanken, die seit 1985 zur geistlichen Familie „Das Werk“ gehören, meinen drei Brüdern und meiner Schwester, einem großen Freundeskreis, den verschiedenen Weltjugendtagen, woran ich teilnahm. Daraus wuchs auch eine große Liebe für die Kirche, in der ich mich zu Hause und geborgen wusste.
„Gott bleibt treu, er kann sich selbst nicht verleugnen“ (2 Tim 2,13). Die Treue Gottes zu seinem Plan mit meinem Leben wurde mir während meiner Studienzeit ganz deutlich bewusst. Von 2001 - 2005 machte ich die Ausbildung zur Grundschullehrerin in Mechelen. In dieser Zeit kam ich mit Schwestern und Brüdern aus verschiedenen katholischen Gemeinschaften, mit Seminaristen und Priestern in Kontakt. Es fiel mir ihre Zufriedenheit und positive Lebenseinstellung auf. Zu meiner großen Verwunderung begannen ihre Berufungsgeschichten oft mit: „Als Kind habe ich zum ersten Mal erfahren, dass Gott mich ruft.“
 
Rund um meinen 21. Geburtstag, während ich über den Gottes Plan mit meinem Leben nachdachte, erwachte in der Stille meines Herzens wieder die Frage: „Damals, vor ungefähr zehn Jahren, sollte es doch wahr gewesen sein?“
 
“Aber, was ist mit meinen eigenen Plänen und Wünschen für die Zukunft? … und vor allem mit meinem freien Willen? Als Ehefrau und Mutter kann ich doch auch viel Gutes tun für Gott und die Kirche?“ Zugleich glaubte ich schon fest daran, dass Gottes Wille mich wahrhaft glücklich machen kann. Im September 2005 begann ich als Lehrerin in einer katholischen Privatschule in Brüssel zu arbeiten. Für gut zwei Jahre übte ich meinen Beruf mit sehr viel Freude aus.
An Sonn-und Feiertagen tragen die Schwestern zur Feier der Liturgie einen weißen Chormantel.
Im Januar 2006 fuhr ich mit der Gemeinschaft “Emmanuel” nach Paray-le-Monial in Frankreich. Es wurde Werbung gemacht für die „Emmanuel School of Mission“, wo junge Menschen ein Jahr lang miteinander das Leben teilen, gemeinsam beten und arbeiten, ihren Glauben vertiefen und hinausziehen, um zu evangelisieren. „Gib‘ Gott ein Jahr deines Lebens!“ hieß die Einladung. „Ein Jahr“, dachte ich bei mir selber, „wenn ich mein Leben gebe, dann ganz“. Ich erschrak über mich selbst, doch zugleich erfuhr ich in mir den tiefen, inneren Frieden und jene Freude, die ich damals spürte, „als Jesus mich angeblickt hat“.
Ich hatte etwas begriffen. „Gott hat einen Plan, nicht nur, um mich allein glücklich zu machen, sondern durch mich auch andere. Das, was Gott von mir will, ist ein Teil von einem größeren Ganzen, nämlich sein Erlösungsplan. Wer bin ich also, um das, was Er von mir verlangt, auf die Seite zu schieben?“
 
Kurze Zeit danach kam ich gemeinsam mit einigen Freundinnen in einem der Häuser der geistlichen Familie „Das Werk“ zusammen, um mit den Schwestern gemeinsam die Briefe des hl. Paulus zu vertiefen. Eine der Anwesenden erzählte, dass sie sich vorbereite, um in die Gemeinschaft einzutreten. Das machte mich froh und ihr Ja-Wort hat mich zu meinem Ja-Wort ermutigt.
 
Während einer Zeit der Einkehr im Kloster Thalbach in Bregenz im Jahr 2006 hat Jesus mir die letzten Zweifel über meinen zukünftigen Weg weggenommen. Damals wusste ich: „Hier bin ich zu Hause, hier gehöre ich hin. Hier liegt der Plan Gottes über mein Leben. Ja, das möchte ich.”
 
Zugleich kamen die Freude und der Friede von damals zurück. Es fiel eine ganz schwere Last von meinen Schultern: die Mühe des inneren Kampfes zwischen meinen eigenen Wünschen und dem Plan Gottes und seinem Willen über mein Leben.
 
Am 8. September 2007 bin ich dann mit 24 Jahren in die geistliche Familie „Das Werk“ eingetreten.
Nach der ersten, wertvollen Formungszeit in Rom, wo ich die Berufung noch näher kennen lernte, bin ich einige Jahre in Littlemore/Oxford (England) tätig gewesen. Dort ist es Aufgabe unserer Gemeinschaft, Besuchern das Leben des seligen John Henry Newman und die Stätte, an der er gewohnt hat und in die katholische Kirche aufgenommen wurde, durch Führungen näher zu bringen. Jetzt bin ich bereits seit gut acht Jahren in unserem Haus „Het Korenveld“ (Das Kornfeld) in Merkelbeek (Niederlande).
 
Von hier aus wirken wir in der Pastoral durch Familienkatechese, Vorbereitung auf den Empfang der Sakramente, Glaubensabende, eine monatliche Gebetsstunde in der Pfarrei um Berufungen, Besinnungstage und Wochenenden für Jung und Alt. Wir nehmen an den Aktivitäten der Diözese und des Dorfes teil.
 
Ich selber arbeite in einer internationalen Militärpfarrei, im Bereich der Koordination der Katechese für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in der Vorbereitung auf den Empfang der Sakramente.
 
„Gott will euer Glück im ‘Werk’. Dieses Glück darf nicht etwas sein, das sich in entfernter Zukunft verwirklichen wird, nein, es ist für heute und für diese Umstände bestimmt.“ (Mutter Julia). Dieses Glück darf ich in der Tat jeden Tag stets mehr erfahren. Kein oberflächliches Glück, sondern das tiefe Glück eines Lebens, das im Frieden mit Gottes Willen lebt, ein Glück, das aus dem Wachstum in der Liebe zum Herrn und zu seiner Kirche kommt, ein Glück, das am Plan Gottes mit meinem Leben und dem der anderen mitarbeitet, ein Glück, das aus der Hingabe im Dienst an Gott und den Menschen kommt; kurzum, das tiefe Glück „von jenem Moment, wo Jesus mich angeblickt hat“.
 
Sr. Myriam D. FSO
»Mein Herr bist du, mein ganzes Glück bist du allein.«
Ps 16,2