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published_date
01.01.2018
author
P. Johannes Nebel FSO

Am Beginn eines Neuen Jahres auf Maria blicken

Maria, die „offene Himmelspforte“

Ganz schön bist du, Maria!
Am Oktavtag von Weihnachten lenkt die heilige Liturgie unser Augenmerk auf Maria. Kalendarisch ist der Neujahrstag wie das Durchschreiten einer Pforte zu einer neuen Jahreszahl – mit allen damit verbundenen Assoziationen. Aber dazu gibt es eine geistliche Entsprechung: Wir ehren Maria ja in dieser weihnachtlichen Festzeit als "pervia caeli porta", als "offene Himmelspforte". Der Pforte zu neuer Jahreszählung entspricht also assoziativ die viel grundlegendere Pforte zu einem neuen, einem ewigen Leben, das Gott uns durch das Jawort Marias und die Hingabe Jesu Christi, ihres Sohnes, bereitet hat.
 
Kommen wir aber nochmals auf die eben genannten lateinischen Worte zurück: Maria als "Pervia caeli porta" – "offene Himmelspforte". Diese Bezeichnung für die Gottesmutter Maria ist entnommen einem alten Mariengebet, einer sogenannten Marianischen Antiphon, dem "Alma Redemptoris Mater". Dieses Gebet ist in der Liturgie vor allem für die Advents- und Weihnachtszeit vorgesehen. Die Gelehrten gehen heute davon aus, dass es am Ende der Karolingerzeit entstanden ist, also im 9. oder 10. Jahrhundert. Mit diesem Gebet haben seitdem unzählige Gläubige unaufhörlich Maria geehrt und ihre Marienfrömmigkeit daran ausgerichtet. Wir tun daher gut daran, uns dem schönen Text dieser ehrwürdigen Antiphon etwas zuzuwenden.
 
Dazu lohnt es sich zunächst einmal, den lateinischen Text zu rezitieren. Wir kennen ihn nämlich weitgehend nur in gesungener Weise. Wenn man ihn aber spricht, begegnet man einer kunstvollen Dichtung von sechs Hexametern:
 
Ālma Redēmptorīs Matēr quae pērvia cæli
Pōrta manēs, et stēlla marīs, succūrre cadēnti,
sūrgere quī curāt, populō: tu quæ genuīsti,
nāturā mirānte, tuūm sanctūm Genitōrem,
Vīrgo priūs ac pōsteriūs, Gabriēlis ab ōre
Sūmens īllud Avē peccātorūm miserēre.
 
Was hat die damaligen Dichter bewogen, auf eine solch kunstvolle Weise zu Maria zu beten? Es war die Liebe zur Schönheit. Wir ehren noch heute Maria mit den Worten "Ganz schön bist du, Maria", vor allem im Blick auf ihre unbefleckte Empfängnis. Das gläubige Empfinden hat in der Reinheit und inneren Harmonie der Gottesmutter immer ein Urbild der Schönheit erkannt: der Schönheit des Menschseins nämlich, wie Gott es ursprünglich gedacht hat. Durch die Sünde ist viel Disharmonie in die Menschheit gekommen. Daher erfordert es unsererseits einen Aufblick aus unserer Unschönheit auf die Schönheit Marias. Und dieser Aufblick ist es wert, dass alle uns zur Verfügung stehenden Kräfte zur Schönheit eingesetzt werden, um Maria zu ehren. Auch die wunderbare Melodie des "Alma Redemptoris Mater" im Gregorianischen Choral strahlt hohe Schönheit aus.
 
Der Text des "Alma Redemptoris Mater" heißt übersetzt:
 
"Lebenspendende Mutter des Erlösers,
offene Himmelspforte und Stern des Meeres,
eile dem fallenden Volk zu Hilfe, das sich bemüht, sich zu erheben:
Du hast zum Staunen der Natur deinen heiligen Schöpfer geboren,
warst  zuvor Jungfrau, als du jenes 'Sei gegrüßt' aus dem Munde Gabriels entgegennahmst,
und bliebst auch danach Jungfrau. Erbarme dich der Sünder."
Maria, die "Alma Mater", die "lebenspendende Mutter": das erinnert uns an den Anfang der Heiligen Schrift, wo es hieß, dass Adam nach dem Sündenfall seine Frau "Eva" – "Leben" – nannte, denn "sie wurde die Mutter aller Lebendigen" (Gen 3,20). Was damals für die irdische Menschheit grundgelegt wurde, das fand in Maria einen ganz neuen Anfang, der nicht mehr auf dieses Leben bezogen ist, sondern auf unser ewiges unzerstörbares Glück in Gott. Maria als lebenspendende Mutter hat uns Menschen das wahre Leben gebracht, Jesus, den Erlöser. Und ihr ganzes Leben bleibt ein einziger Hinweis auf das, was sie der Menschheit geschenkt hat: Maria als Hinweis in Person – das ist damit gemeint, wenn in unserem Gebet Maria "stella maris" – "Meeresstern" – genannt wird.
 
Wie aber kann es nun sein, dass Maria darüber hinaus auch als "pervia caeli porta", "offene Himmelspforte", bezeichnet wird? Ein solches Bildwort ist eigentlich auf Jesus bezogen, der gemäß dem Johannesevangelium einmal von Sich sagt: "Ich bin die Tür; wer durch Mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden" (Joh 10,9). Der Name Jesus – Inhalt des heutigen kurzen Evangeliums – heißt ja "Gott rettet". Daher ist die Tür zum ewigen Leben im eigentlichen Sinne nur Jesus Christus, der ebenso von Sich sagt: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch Mich" (Joh 14,6).
 
Maria aber ist jene, die uns diese Tür, diesen Weg, leiblich zur Welt gebracht hat – das feiern wir an Weihnachten. Maria ist daher wie kein anderer Mensch dem Erlöser verbunden, der sich als "Tür" und "Weg" bezeichnet. In Unterordnung unter das "Tür-Sein" Jesu hat Maria daher einen besonderen Anteil an diesem Tür-Sein. Das ist bedeutend für unser konkretes Glaubensleben: Denn Jesus ist Gottes Sohn; obwohl Er wahrer Mensch auf dieser Erde war, gehört Er doch mehr auf die Seite Gottes. Maria aber ist bloß Mensch, nur Geschöpf. Was Christus uns gebracht hat, strahlt in Maria auf rein menschlicher Ebene einzigartig aus und weiter.
Das "Tür-Sein" Jesu bleibt ja von Einsamkeit umgeben: So musste Er nämlich seinen Jüngern vor seinem Leiden zu verstehen geben: "Ihr werdet Mich suchen, und … wohin Ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen" (Joh 13,33). Jesus führte sein eigenes "Tür-Sein" an die Einsamkeit am Kreuz, wo Er aufschrie "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?" (Mt 27,46) – einen Ausspruch, den wir Menschen nie ganz von innen werden nachvollziehen können.
 
Im Abglanz dieses Tür-Seins in Maria aber ist diese Einsamkeit umgewendet zu einer mütterlichen Fürsorge und Nähe zu uns Menschen. Wenn Maria daher "offene Himmelspforte" ist, so bedeutet es, dass sie uns in mütterlicher Liebe den Weg zu Jesus weist, auch zu Jesus als dem Gekreuzigten und dann Auferstandenen. Mit ihr hat Gott uns Menschen sozusagen eine mütterliche "Vor-Pforte" bereitet, die uns zur "Hauptpforte", ihrem Sohn, führt. Maria hilft uns, an dem Anspruch der eigentlichen "Pforte", die nur Christus ist, nicht auszuweichen, sondern uns ihm zu stellen und so das Heil und die Erlösung, die Jesus uns bringt, in uns aufzunehmen. Als Gottesgebärerin war Maria Pforte für den Sohn Gottes in diese Welt hinein, und als Mutter aller Menschen bereitet sie uns den Weg zu Christus.
 
Maria hilft uns auf, wenn wir trostlos sind: "succūrre cadēnti, / sūrgere quī curāt, populō" – "hilf dem fallenden Volk auf, das sich müht, aufzustehen". Immer wenn wir an Ohnmacht, an Grenzen und Nöte kommen und an unserem besten Willen und unseren besten Absichten zu verzweifeln drohen – immer dann ist Maria da, die Mutter, zu der wir unsere Zuflucht nehmen dürfen, die uns ihre mütterliche Hand entgegenstreckt und uns weiterführt. Maria sorgt dafür, dass inmitten allen Auf und Ab unseres Lebens jener Funke der Schönheit, der von Gott her in uns lebt, nicht erlischt. Maria trägt als unsere Mutter Sorge für jene innere Oase unseres Herzens, die alle Wüstenerfahrungen des Lebens mildert, für jenes innerste Seelenheiligtum, worin wir unbeschwert mit Gott, mit Jesus, verbunden sein dürfen.
 
So lasst uns an Marias Hand zuversichtlich in dieses neue Jahr gehen: an ihrer Hand gehen bedeutet automatisch im Segen ihres göttlichen Sohnes zu stehen.