Cover
»«
author
P. Peter Willi FSO

Advent... warten auf wen?

Unser Leben – eine Adventszeit

Die drei- bis vierwöchige Adventszeit Jahr für Jahr erinnert uns daran, dass unser ganzes Leben eine Adventszeit ist. Wir gehen als Christen ein Leben lang dem Herrn entgegen, wir erwarten ihn, wir warten auf die Begegnung mit ihm nach dem Tod. Himmel bedeutet, einmal „daheim beim Herrn“ (2 Kor 5,8) zu sein. Solange wir noch nicht dort sind, stehen wir in einer Adventszeit.
 
Die Adventszeit erinnert uns ebenso daran, dass es ein mehrfaches Kommen Jesu Christi gibt.

1. Jesu Kommen im Fleisch

Wenn Gott kommt, macht er keinen Lärm.
Vor 2000 Jahren kam er im Fleisch in diese Welt. Er kam sichtbar in diese Welt, als Mensch, als ein hilfloses Kind, so wie alle Menschen. Er gab sein Gott-Sein nicht auf, er „bekleidete“ es mit einem menschlichen Leib. Sein Kommen war ein stilles, unauffälliges, demütiges Kommen, hineingewoben in den Lauf der damaligen Zeit. Wenn Gott kommt, macht er keinen Lärm. Dennoch war dieses Geschehen seiner Menschwerdung und Geburt ein Geschehen, das die Welt verändert hat, ein Geschehen von wahrhaft höchster weltgeschichtlicher Bedeutung. Sein Kommen im Fleisch darf nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb feiert die Kirche bis zum Ende der Zeiten das Weihnachtsfest. Sie will Jahr für Jahr die Menschen erinnern: Derjenige, der dir helfen und dich retten kann, der dich erlösen und die Knoten deines Lebens, deines Denkens und Wollens lösen kann, kam in die Welt. Mensch, öffne dich für ihn.
 
In den liturgischen Liedern und Texten der Adventszeit erinnern wir uns an das Warten des alttestamentlichen Gottesvolkes durch Jahrhunderte hindurch. Sie haben auf den Erlöser gewartet. Ein großer Teil der Menschheit kennt Jesus Christus noch nicht. Diese Milliarden von Menschen stehen wie das Volk Israel in einer Adventszeit – mehr unbewusst als bewusst.
 
Für uns als glaubende Christen ist Jesus Christus bereits gekommen. Er lebt in seiner Kirche. Er spricht zu uns, wenn das Wort Gottes verkündet und ausgelegt wird, er ist anwesend in der Gemeinschaft der Kirche, in den Sakramenten, in der Gemeinschaft der Betenden und der Liebenden.

2. Jesu Kommen in Herrlichkeit

Seit Beginn der Kirche haben die Glaubenden das von Jesus selbst angekündigte Kommen am Ende der Zeiten erwartet. In den ersten Jahrzehnten nach der Auferstehung Jesu Christi und dem Pfingstfest glaubte man, dass dieses machtvolle Wiederkommen Christi unmittelbar bevorstehe. Man nennt dieses Warten der ersten Christen Naherwartung. Ja, man begann zu überlegen, warum denn der Herr nicht wiederkomme. Der Apostel Petrus hat dies den Gläubigen in seinem zweiten Brief so erklärt: „Das eine, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind“ (2 Petr 3,8). Die bald erwartete Wiederkunft Christ kam nicht, das Warten aber bleibt. Die Welt hat einen Anfang und besteht nicht in einem ewigen Kreislauf. Sie hat auch ein Ende. Am Ende der Zeit wird der Sohn Gottes, der Menschensohn, in Macht und Herrlichkeit wiederkehren. Jeder Mensch wird es wahrnehmen. Dieser zweiten Ankunft des Sohnes Gottes wird eine kosmische und sittliche Katastrophe vorausgehen. Dann wird der Herr alle Menschen vor sein Angesicht rufen. Es wird offenbar werden, wer gerettet ist und wer nicht. Die Menschen werden einen neuen geistigen Leib empfangen und Gott wird Himmel und Erde neu schaffen. Wann dieser Augenblick gekommen sein wird, wissen wir nicht.

3. Jesu Kommen im Geist

Zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen gibt es das ständige Kommen Jesu Christi in diese Welt Tag für Tag. Er kommt in das Leben jener Menschen, die sich ihm öffnen. Der Heilige Geist begleitet ihn. Jesus spricht von diesem Kommen, wenn er sagt: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14,23). Jesus möchte in das Leben eines jeden Menschen eintreten: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Joh 3,20). Das Weihnachtsfest und die Weihnachtszeit begehen wir einmal im Jahr, Weihnachten aber kann an jedem Tag im Jahr geschehen. Wenn Jesus in unser Leben eintritt, wenn er in unser ganzes Leben eintritt, wenn ihm der Zutritt gewährt wird zu allen unseren Gedanken, Worten, Taten, Entscheidungen, Überlegungen, Unternehmungen und Planungen, dann wird Weihnachten ein Ereignis mitten im Leben. Weihnachten ist für uns nicht nur ein idyllisches Fest der Erinnerung an etwas, das einmal war. Es soll für uns und für viele ein Fest sein, wo der Herr aufs Neue kommt und kommen darf.
 
Der Adventruf der Kirche lautet: Maranatha, komm, Herr Jesus, komm! Diesen Ruf könnten wir oft beten und ihn mit konkreten Anliegen verbinden.
 
Komm, Herr Jesus, und hilf meinem Sohn einen guten Arbeitsplatz zu finden.
Komm, Herr Jesus, und schenke meiner Tante die Gesundheit wieder.
Komm, Herr Jesus, und hilf N…. , dass sie Antworten findet auf die vielen Fragen, mit denen sie ringt.
Komm, Herr Jesus, und öffne meinem guten Freund den Weg zum Bußsakrament.
Komm Herr Jesus, und schenke den Familien und unserer Welt den Frieden.
 
Nehmen wir uns Zeiten der Stille und lassen wir die Menschen, die wir kennen, und die Anliegen der Kirche und der Gesellschaft vor unserem geistigen Auge und unserem betenden Herzen vorbeiziehen. Erbitten wir das Kommen Christi in unsere Welt, hier, jetzt und heute, Advent und Weihnachten 2017.