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Die geistliche Familie "Das Werk"

Was die Welt im Innersten zusammenhält?

Von Wirtschaftssystemen, Finanzmärkten und Geostrategie – Ein Vortrag von Christian Brandlhuber im Kloster Thalbach

Mancher Besucher des Vortrags am Sonntag, dem 9. September 2018, des Münchner IT-Experten Dr. Christian Brandlhuber staunte über den Ort der Veranstaltung, fand sie doch bei uns im Kloster Thalbach statt und war Teil der von P. Alois Felder FSO und Manuel Dragaschnig veranstalteten Themenreihe „Stammtisch“ zu gesellschaftlichen und sozialethischen Fragen. Wie alle Menschen so leben und wirken eben auch jene in Klöstern innerhalb größerer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Bedingungen, von denen manche als vorgegeben betrachtet werden. Es ist gut, diese zu kennen und bei einigen von ihnen darüber nachzudenken, inwieweit sie nach dem Zitat von Johann Wolfgang von Goethe in der Lage sind, „die Welt im Innersten zusammenzuhalten“.
Grundoptionen des westlichen Wirtschaftssystems und seine Weiterentwicklung
 
Anhand der Unterscheidung des Wiener Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964), der Arbeit, Geld und Boden als die drei „fiktiven Waren“ bezeichnet, um die herum sich der Markt bildet, stellte Christian Brandlhuber die grundlegenden Unterschiede zwischen den Wirtschaftssystemen in Ost und West dar. Die westliche Welt ist demnach hauptsächlich durch die Ansicht charakterisiert, dass „Geld mit Geld gemacht wird“. Arbeit tritt immer mehr in den Hintergrund. Boden gilt dem Kapitalismus als ein auszubeutendes Konsumgut. Angestrebtes Ziel ist es, Güter immer billiger zu produzieren und dadurch höheren Profit zu erzielen.
 
Neue Imperien durch Daten
 
Der Referent wies darauf hin, dass geographisch umschriebene Imperien im Lauf der Geschichte manchmal zerfallen sind, weil der Aufwand für die Verteidigung des Territoriums zu groß geworden war. Im Unterschied zu einem geographischen ist heute ein neuer Typ in Form eines Kapitalflussimperiums zu erkennen, in dem es möglich ist, den Geschäftsverkehr zu kontrollieren und darin Ansprüche durchzusetzen. Globalisierung und Digitalisierung fungieren als moderne Mittel, um dies zu erreichen. Federführend auf diesem neuen Gebiet sind die USA, während es die Entscheidung Europas war, in diesem System „mitzufahren“, als „Clubmitglied“ an den „Clubgütern“ zu partizipieren, sich aber nicht selbst um eine gewisse Eigenständigkeit zu bemühen. Als Konsequenz einer solchen Option mussten die europäischen Staaten jüngst feststellen, dass sie – auch wenn sie der Auffassung waren, den Iran weiterhin als Handelspartner behalten zu wollen – nicht mehr in wirtschaftliche Beziehungen mit diesem Land eintreten konnten, da aufgrund der von den USA verhängten Sanktionen der Geldverkehr mit dem Zahlungssystem Swift nicht mehr möglich war. Das kapitalistische Wirtschaftssystem hat „Daten“ als einen neuen Rohstoff entdeckt und hervorgebracht, und es ist in der Lage, sie zu „kontrollieren“. Durch die Digitalisierung wurde es zum Datenkapitalismus weiterentwickelt. Der neue, sich daraus ergebende Markt, wird von amerikanischen Unternehmen wie Apple, Google, Microsoft und Facebook beherrscht.
Geostrategische Überlegungen
 
In anderen Wirtschaftssystemen, wie jenen in China und Russland, ist die Auffassung vorherrschend, dass es vor allem Grund und Boden sind, die Ertrag abwerfen sollen. Diese Sichtweise hat geostrategische Überlegungen zur Folge. So strebt etwa das bevölkerungsreichste Land der Erde danach, durch Investitionen Expansion und Bodenerschließung mit dem Ziel zu erlangen, sich langfristig Abbaurechte für Rohstoffvorkommen zu sichern. Während Europa und die USA Projekte in anderen Ländern über Kredite der Weltbank finanzieren und dafür Zinsen einheben, würde China eher wissen lassen: Wir haben genug Geld und wollen keine Zinsen, aber lasst uns eure Kohle und eure Rohstoffe abbauen. Dadurch wird die Einflusssphäre erweitert. Das Land der Mitte drängt durch die Wiederbelebung der neuen Seidenstraße OBOR (One Belt, One Road) auch nach Europa, und dort könnte es sein, dass sich durch „16+1“, einem Verbund von 16 mittel- und osteuropäischen Staaten und China, ein neuer Wirtschaftszusammenschluss neben oder an der EU vorbei etabliert. Dass sowohl China als auch Russland daran denken, ihre Interessen in anderen Ländern auch militärisch zu kontrollieren und durchzusetzen, legt sich durch die Tatsache nahe, dass diese beiden Länder umfangreiche Mittel in die Überschall-Forschung investieren.
 
Preisbeeinflussung durch Sprache
 
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie der Preis für ein Produkt zustande kommt, und dieser ist verschiedenen Einflüssen unterworfen. Manche von ihnen sind geostrategischer Natur: Aussagen von US-Präsidenten Donald Trump wie „America first“ oder „die Europäische Union als Feind Amerikas“, „die Nato als überflüssige Organisation“ und verschiedene Maßnahmen zur Protektion der amerikanischen Wirtschaft weisen darauf hin, dass sich in den Vereinigten Staaten die Meinung ausbreitet, dass das Land lange genug Polizist für alle gespielt und Europa sich militärisch zu lange auf seinen Verbündeten verlassen habe. Solche Aussagen ziehen wirtschaftliche Auswirkungen nach sich. Wenn der amerikanische Präsident Sanktionen gegen die Türkei ankündigt, dann hat diese Ankündigung auch Konsequenzen für wirtschaftliche Bewertungen. Aber die konkreten Folgen sind schwer im Voraus abzusehen. Als der Firmengründer des Elektroauto-Produzenten Tesla ankündigte, sein Unternehmen von der Börse nehmen und die Aktien zurückkaufen zu wollen, führte diese Meldung zu einem Einbrechen der Tesla-Aktie. Den Unterschied zwischen Preis und Wert illustrierte Christian Brandlhuber ebenfalls am Beispiel Tesla. Das Unternehmen wurde an der Börse mit 70 Mrd. Euro „bepreist“, sei aber höchst verlustreich und hochverschuldet, so dass eigentlich jedes Elektro-Auto um 11.000 Euro unter seinen Herstellungskosten verkauft werde. Der alteingesessene amerikanische Autoproduzent Ford werde „nur“ mit 30 Mrd. Dollar bewertet, habe aber gerade einen Jahresgewinn von 4 Mrd. Dollar bekanntgegeben.
Der Euro – die europäische Währung
 
Was die Finanzpolitik in Europa betrifft, so waren - dem Referenten zufolge - nationale Währungen früher mit fixen Wechselkursen an den Dollar gebunden. Im Euroraum erleben wir momentan die Auswirkungen unterschiedlicher Produktivität in den verschiedenen Ländern. Früher hätte dies zu einem Kursaufschlag bzw. –abschlag ihrer Währung geführt. Da die Länder der EU nun die gleiche Währung haben, ist dieses Korrektiv mit Auf- und Abschlag nicht möglich und muss durch andere Maßnahmen erfolgen. Es geschieht durch billige Niedrigzins-Kredite. Der Präsident der Europäischen Zentral Bank, Mario Draghi, weise aber, so Christian Brandlhuber, darauf hin, dass dies nicht ausreiche, um den Euro weiter behalten zu können und die EU nicht zerfallen zu lassen. Andere Stabilisierungsmaßnahmen seien nötig. Die Märkte müssten mehr vereinheitlicht werden. Darum drängt der EZB-Präsident auf einheitlichere Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungssysteme in den Euro-Ländern. Rückblickend auf die europäische Währung lässt sich laut Christian Brandlhuber erkennen, dass einige Länder zu schnell in den Euro-Raum aufgenommen wurden, und momentan sei es die Aufgabe der EZB, die wirtschaftlichen Unterschiede in ihnen auszugleichen. Da der Großteil der europäischen Länder mit seiner Währung gut zurechtkommt, sieht der Münchner Finanz-Experte keinen Grund, wieder zu nationalen Währungen zurückzukehren und den Euro abzuschaffen.
 
Finanzkrise und Bankenregulierung
 
Ab den 1980er Jahren gab es ein größeres Wirtschaftswachstum, das auch auf die Deregulierung der Banken zurückzuführen war. Auf die Finanzkrise im Jahr 2008 reagierte die Bankenaufsicht mit Maßnahmen zur Regulierung der Banken. Beispielsweise wurde ein erhöhter Eigenkapitalanteil vorgeschrieben, um gegen Verluste besser gewappnet zu sein. Den Banken wurde etwa vorgeschrieben, dass das Kreditvolumen nicht mehr das 20fache ihres Eigenkapitals ausmachen darf, sondern z. B. nur noch das 5 oder 10fache. Es gibt Hinweise für eine erneute Lockerung dieser Regulierung.
 
Folgen der Digitalisierung
 
Die Digitalisierung treibt das Kapitalsystem an. Börsen agieren heute größtenteils voll digitalisiert. Künstliche Intelligenz führt dazu, dass an den Börsen immer weniger Menschen anzutreffen sind. Bilder, die von bestimmten Börsen gezeigt werden und große Menschensammlungen zeigen, sind Archivbilder, die nicht mehr der Wirklichkeit entsprechen. Es gibt neues Geld aus dem Computer, das nur von Informatikern erdacht wurde und dessen Wert durch nichts Anderes gedeckt ist. Brandlhuber erwartet, dass die Digitalisierung immer mehr Hackangriffe auf verschiedenen Gebieten zur Folge haben werde, z. B. auf das Zahlungssystem Swift. Dies werde auch durch Staaten geschehen, die Interesse an Information, an der Umleitung von Finanztransaktionen, aber auch an der Bedrohung der Wasser- oder Stromversorgung haben. Hybride Bedrohung sind auch von der Seite jener zu vermuten, deren Wirtschaftssystem momentan noch schwächer erscheint als das westliche.
 
Christian Brandlhuber ist es an diesem Abend auf unterhaltsame und spannende Weise gelungen, seinen Zuhörern nahezubringen, wie „West und Ost ticken“ und etwas von dem aufzuzeigen und zu beleuchten, von dem viele meinen, dass es „die Welt im Innersten zusammenhält“.